Am 01. März fand der monatliche Lobpreisabend in der Lobpreiskirche in Passau-Neustift statt. Zu Gast war Sebastian Raber. Er ist Diplomtheologe und außerdem Leiter der HOME Base, der Jüngerschaftsschule, in Passau. Hier sein Impuls zum Nachlesen:
BIBELSTELLE: 1 Kor 1,18
Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.
Kreuzfidel – unbeschwert sein, froh, freudig, eine Formulierung, die man öfters an Fasching hört. Das Kreuz ist dabei ein wirklich verbreitetes Symbol: auf Berggipfeln, an Feldwegen, Kirche, Klassenzimmern, Privatwohnungen etc. Und doch auf den ersten Blick kein Zeichen, dass mit Unbeschwertheit einhergeht. Auch ich habe in meinem Leben lange Anstoß an dieser teils sehr brutalen Inszenierung von Jesus genommen und vor allem an vielen Karfreitagen existenziell gehadert, was es genau mit diesem Tag der Trauer auf sich hat — warum das Kreuz? Drei Punkte sind mir im Laufe der Jahre aufgeschlossen worden:
1. Das Kreuz zeigt den Abgrund des menschlichen Herzens
Der nicht christlich sozialisierte Mensch sieht am Kreuz zunächst einen entsetzlich leidendenden Gekreuzigten, der unglaubliche Nervenschmerzen durchsteht, große Mengen an Blut verliert, durch das Hängen langsam erstickt und – so glauben die Juden (Deut 21,23) – von Gott verflucht und verlassen ist. Es stellt sich nicht nur die Frage, wie Menschen überhaupt in der Lage sind, einem anderen so viel Leid anzutun, und dass womöglich noch mit großer Schadenfreude (sehr anschaulich in Mel Gibsons Die Passion Christi zu sehen); auch sind die Umstände des Ereignisses bemerkenswert: Jesus, der selbst unschuldig ist, viel Gutes getan hat, viele Menschen geheilt und befreit hat, wird von den Hohepriestern aufgrund von Falschaussagen zu Unrecht zum Tode verurteilt; er wird verraten von einem seiner engsten Vertrauten, alle anderen lassen ihm im Garten Gethsemane alleine; der Stadthalter Pilatus ist unter Druck, die Soldaten führen nur Befehle aus. Unmöglich, eine Person allein für die Kreuzigung verantwortlich zu machen, alle sind verstrickt in der Sünde, „alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ (Röm 3,23). Auch wenn das Thema Sünde eher eine unbeliebte Realität in unserem Leben ist, wir sie lieber unter den Teppich kehren oder verharmlosen – spätestens, wenn wir uns mit Jesus selbst vergleichen, der die Liebe, die Wahrheit, die Gerechtigkeit ist, erkennen wir, dass wir oft überhaupt nicht so handeln wie Er (Neid, Eifersucht, Habsucht, Egoismus, Unbarmherzigkeit, Lüge etc.). Darin zeigt sich die Erbsünde, die als ein Mangel definiert ist, der Mangel der ursprünglichen Gottesbeziehung. Der Sündenfall beschreibt diesen dauerhaften Verlust der lebensspendenden Verbindung zu Gott, die der Mensch einseitig aufgekündigt hat. Es ist nur verständlich, dass die daraus resultierende weltliche Weisheit, die vor allem vom Kampf um das Überleben, von Stärke und Macht geprägt ist, das Kreuz als Torheit klassifiziert.
2. Das Kreuz zeigt die Größe der Barmherzigkeit Gottes
Der Anfang von Jesu öffentlichen Wirken beginnt mit den Worten: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Der Verfasser bedient sich hier eines Begriffes aus dem damaligen Kriegsvokabular: „Evangelium“ ist der Ausruf, mit dem ein Bote vor den Kaiser tritt, um ihm zu berichten, dass im Krieg der Sieg errungen wurde. Wer aufs Kreuz schaut, scheint zunächst wohl eher ein großes Scheitern als einen Sieg zu sehen. Was hat es also auf sich mit der Frohen Botschaft? Sie befasst sich mit dem bereits angesprochenen Thema: Dem Problem des Umgangs mit Schuld – eine Frage, die sich in gewisser Weise jede Kultur und Religion stellt (Opfersysteme, Reinigungs‑, Gebets- und Meditationsrituale, Gesetzgebung und Rechtsprechung etc.). In all dem ist die christliche Botschaft einzigartig: Nicht wir müssen uns anstrengen, reinigen, heil machen, sondern „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat“ (Joh 3,16). Durch Jesu liebende Hingabe am Kreuz ist er stellvertretend für uns „mit seinem eigenen Blut […] ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt“ (Hebr 9,12), unsere Sünden wiedergutgemacht, den Tod besiegt, den Schuldschein zerrissen (Kol 2,14), der auf unseren Namen lief und damit die Rückkehr in die Beziehung mit unserem himmlischen Vater ermöglicht. Ich habe bisher noch keine rationale Erklärung gefunden, wie das ganz genau funktioniert, aber die Ausbreitung der Kirche und die Freude, die sich im Einzelnen einstellt, der das Werk der Erlösung existenziell annimmt, beweist, dass es funktioniert. Auch wenn die Welt im Kreuz nur Torheit erkennt – für die Gläubigen ist es die Kraft Gottes, die uns von Schuld und Sünde befreit.
3. Das Kreuz zeigt unser Leben
Es gibt kein menschliches Leben ohne Leid. Jeder von uns hat in gewisser Weise sein Kreuz zu tragen, ob größeres Scheitern, eine schwere Krankheit oder abrupte Änderung der Lebensumstände. Vor ca. 10 Monaten bin ich Vater geworden. Neben wirklich wunderschönen Momenten war die vergangene Zeit auch sehr herausfordernd: eine schonungslose Geburtserfahrung, Schlafentzug, sich ganz einlassen auf einen neuen Menschen, um den sich jetzt die tägliche Zeitplanung dreht – ich habe immer wieder meinem alten Leben hinterher getrauert. Mitten in diesen Veränderungen, in diesem Leid, das ich auch nicht weg beten konnte, wurde mir eine fundamentale Wahrheit über das Kreuz offenbar: „Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24). Wer ihm nachfolgen, wer von ihm lernen will, der trage sein eigenes Kreuz wie Jesus, der es nicht mürrisch hinter sich herschleppt, sondern es voller Stolz und Freude (Hebr 12,2) auf sich nimmt, weil Er weiß, wie groß der Segen sein wird für alle Welt. Und wenn ich mein Kreuz, mein Schweres, auf mich nehme (und das Leiden sogar aufopfere für eine gute Sache), darf ich erleben, wie Jesus selbst mein Simon von Cyrene wird, der mir unter dem Balken zulächelt, mich aufbaut und ermutigt und sagt: „Sei mutig und stark, wir schaffen das gemeinsam!“ (Jos 1,6). Denn – wie mein geistlicher Begleiter einmal gesagt hat – wer sein Kreuz nicht umarmt, den erschlägt es. Seitdem erlebe ich eine neue Freude im Leben, die tiefer ist als die Schwierigkeiten des Tages; das Kreuz ist für mich wirklich die Kraft Gottes!
Welches Kreuz habe ich gerade zu tragen? Weiß ich von der Freude des Evangeliums? Wir dürfen mit dem Psalmisten einmal mehr beten: „Gib mir wieder die Freude deines Heils, rüste mich aus mit dem Geist der Großmut“ (Ps 51,14). Denn wer sich von Jesu Kreuz von seinen Lasten und Sünden erlösen lässt und wer das Schwere im Leben gemeinsam mit ihm tragen gelernt hat, der lebt im wahrsten Sinne des Wortes kreuzfidel.
Text: Sebastian Raber