Glaube und Gemeinschaft

Lobpreisabend im April

Redaktion am 13.04.2026

Info Icon Foto Sibylle Würfl

Impuls beim Lobpreisabend 11.4.2026 - „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“

Neben mei­ner Tätig­keit in Köln bin ich auch Gast­pro­fes­sor an der Hoch­schu­le in Hei­li­gen­kreuz bei Wien. Vor eini­gen Wochen hat­te ich dort eine Vor­le­sung zur Got­tes­leh­re und behan­del­te eini­ge Gottesbeweise.

In der Vor­be­rei­tung pack­te mich wie­der neu die Fas­zi­na­ti­on dar­über, wie sich Men­schen zu allen Zei­ten mit ihrer Ver­nunft, mit all ihren geis­ti­gen Kräf­ten dar­um bemüht haben, etwas zu den­ken, das grö­ßer ist als alles, was gedacht wer­den kann. Es gibt Got­tes­be­wei­se aus dem Den­ken, aus der Erfah­rung, aus dem Gewis­sen, aus der Zeit und ande­re mehr.

Als ich sie den Stu­den­ten vor­ge­stellt hat­te, mel­de­te sich einer und frag­te: ​„Kann man zu dem Gott, den man bewei­sen kann, auch beten? Und kann man ihn lie­ben?“ Vie­le ande­re Stu­den­ten nick­ten und teil­ten wohl sei­ne Fra­gen. Die­sen jun­gen Men­schen war schnell klar, dass ein gedach­ter und beweis­ba­rer Gott noch längst kein leben­di­ger Gott ist, oder, wie es im heu­ti­gen Evan­ge­li­um heißt, dass ein Got­tes­be­weis zum ​„Sehen“ gehört, aber noch nicht zum ​„Glau­ben“.

In den Oster­fe­ri­en kom­men inter­es­san­te Fil­me, und so sah ich letz­te Woche eine Doku­men­ta­ti­on über die ​„Son­nen­temp­ler“ – eine eso­te­ri­sche Sek­te, die in der Schweiz und in Frank­reich ver­brei­tet war, sich auf alte Rit­ter­or­den, medi­zi­ni­sches Wis­sen und Astro­lo­gie stütz­te und in den 80er Jah­ren viel Zulauf und Auf­merk­sam­keit hat­te. Aus heu­ti­ger Sicht erscheint einem das, was ihre Anhän­ger glaub­ten, völ­lig absurd, etwa Ver­bin­dun­gen zum Pla­ne­ten Siri­us oder die Über­win­dung des Todes allein durch geis­ti­ge Ener­gie. Doch sie glaub­ten so fest an die­se Leh­ren, dass sie sogar bereit waren, dafür in den Tod zu gehen: 1994 ende­te die Sek­te in einem Mas­sen-Selbst­mord von über 50 Men­schen. Ihr ​„Glau­ben“ hat­te sie blind gemacht, es fehl­te das ​„Sehen“, das Zulas­sen von Zwei­fel und ande­ren Sichtweisen.

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“.

Bei die­sem Satz des Auf­er­stan­de­nen kommt es auf jedes ein­zel­ne Wort an.

Jesus Chris­tus sagt nicht: glau­ben ist bes­ser als sehen oder: glau­ben bedeu­tet, sich erst gar nicht um das Sehen zu bemühen.

Jesus sagt: Glau­ben ist nur etwas für Men­schen, die auch das Sehen gelernt haben, die durch das Sehen zum Glau­ben gekom­men sind. Das Chris­ten­tum ist ein sehen­der Glau­be, ein gläu­bi­ges Sehen.

Wie ging das bei Thomas?

Wir ken­nen ihn aus der Zeit vor Jesu Tod schon als einen Jün­ger, der ger­ne frag­te, nach dem wah­ren Leben, nach der Wahr­heit und dem Weg dort­hin; als einen muti­gen Jün­ger, der die ande­ren auf­for­der­te, mit Jesus nach Jeru­sa­lem zu gehen. Mit dem Tod Jesu aber geriet sein Leben ins Wan­ken, so wie der Tod eines gelieb­ten Men­schen oft zur Glau­bens­fra­ge gerät. Ich sel­ber saß ein­mal nach dem Tod mei­ner Groß­el­tern einen gan­zen Abend vor dem Aller­hei­ligs­ten und woll­te eine Ant­wort von Gott, ob sie nun wirk­lich bei ihm leben, weil sie mir so fern und so tot erschie­nen. Am Ende bekam ich eine inne­re Gewiss­heit geschenkt.

Tho­mas hat­te sich nach dem Tod Jesu von den ande­ren Jün­gern getrennt und war auch dem Oster­tag fern geblie­ben. Er woll­te sich nicht von Gefüh­len und Schwär­me­rei mit­rei­ßen las­sen, er brauch­te Grün­de, er woll­te sehen.

Tho­mas hat­te recht, wenn er sei­nen Glau­ben ent­we­der selbst fin­den oder gar nicht glau­ben woll­te; aber der Weg, auf dem er ihn such­te, war noch nicht der richtige.

Erst, als er sich ein Herz fasst und zu den ande­ren Jün­gern zurück­kehrt, beginnt er einen neu­en Weg.

Dass er wie­der zurück­kommt, ist etwas ganz ent­schei­den­des, sei­ne Bereit­schaft, sich über­zeu­gen zu las­sen und nicht in sei­nem Zwei­fel zu verharren.

Wich­tig ist auch, dass ihm die ande­ren Jün­ger Zeit lie­ßen, um wie­der Halt zu fin­den, und ihn freu­dig bei sich aufnahmen.

Tho­mas kann nichts erzwin­gen. Auch dass ihm der Auf­er­stan­de­ne begeg­net, ist eine Gna­de, ist freie Lie­bes­zu­wen­dung Got­tes, auf die wir Men­schen nicht ein­fach ein Recht haben.

Maria Mag­da­le­na hät­te den Auf­er­stan­de­nen ger­ne berührt und fest­ge­hal­ten; Jesus ver­bie­tet es ihr. Tho­mas hin­ge­gen lädt er ein: ​„Lege dei­ne Hand in mei­ne Sei­te!“ Es ist eben ein Unter­schied, ob wir uns etwas neh­men wol­len oder ob uns Gott etwas von sich aus gibt!

Wir wer­den nie erfah­ren, ob Tho­mas den Auf­er­stan­de­nen wirk­lich berührt hat. Das ist dem Evan­ge­lis­ten Johan­nes offen­bar nicht wich­tig. Wich­ti­ger ist ihm, dass Tho­mas zum Glau­ben fin­det, als er in den Wun­den des Gekreu­zig­ten den Auf­er­stan­de­nen fin­det, der nicht ein­fach gestor­ben ist, son­dern der für ihn und für uns alle aus Lie­be gestor­ben ist, um uns neu­es Leben zu schenken.

„Sei nicht ungläu­big, son­dern gläu­big“ – in die­ser Auf­for­de­rung Jesu liegt die Ent­schei­dung, vor der Tho­mas, vor der wir alle ste­hen. Aus einer Welt des Sehens und Begrei­fens, des Bewei­sens und Fest­hal­tens, des Sicht­ba­ren und Mate­ri­el­len hin­über­zu­ge­hen in die Welt des Glau­bens und Stau­nens, der Begeg­nung und Bezie­hung, des Unsicht­ba­ren und Spirituellen.

Bei­de Wel­ten sind ver­bun­den, auch als Glau­ben­de sind wir mit vie­len irdi­schen Din­gen beschäf­tigt. Aber unser Blick ist ein ande­rer, wenn wir sie mit den Augen des Glau­bens sehen. Wir kön­nen durch die Din­ge hin­durch­se­hen auf ihren Schöp­fer, wir kön­nen durch die Men­schen hin­durch­se­hen auf ihre Beru­fung durch Gott.

Aus sol­chem Sehen und Glau­ben wird Tho­mas dann das Bekennt­nis mög­lich: ​„Mein Herr und mein Gott!“ So hat vor ihm noch kein Jün­ger gespro­chen. Der, der gezwei­felt hat, der nicht glau­ben konn­te, wird zum Beken­ner, der auch ande­re zum Glau­ben ermutigt.

„Selig sind, die nicht sehen und doch glau­ben.“ Mit die­sem Satz preist Jesus nicht den Zwei­fel selig und nicht das Sehen, son­dern den Glau­ben. Denn auf dem, was wir sehen, kann der Glau­be nicht ruhen. Der Zwei­fel wird nicht durch das Sehen und Berüh­ren über­wun­den, son­dern durch den leben­di­gen Chris­tus und das Bekennt­nis zu ihm. Tho­mas ver­gisst sei­ne Zwei­fel, er ver­gisst sich selbst. Denn er sagt nicht: Jetzt habe ich den Auf­er­stan­de­nen sehen, jetzt kann ich end­lich glau­ben – son­dern er fällt auf die Knie, betet an und bekennt: Du, mein Herr und mein Gott!

Und wir? Wo ste­hen wir in unse­rem Sehen und Glauben?

Hat­te es Tho­mas, hat­ten es die Jün­ger nicht so viel leich­ter, zu einem fes­ten Glau­ben zu fin­den, als wir? Fällt uns der Zugang zu Jesus 2000 Jah­re spä­ter nicht ungleich schwerer?

Kommt uns das moder­ne Welt­bild nicht vor wie ver­schlos­se­ne Türen, die Jesus nicht ein­las­sen wollen?

Das alles mag sein, und doch sagt schon Johan­nes am Ende der heu­ti­gen Schrift­stel­le: es ist wahr, Jesus tat unend­lich viel mehr, als wir Heu­ti­ge es auf den paar Sei­ten der Evan­ge­li­en erfah­ren und wis­sen können.

Aber das, was auf­ge­schrie­ben wur­de, genügt für das Eine Not­wen­di­ge: dass auch wir glau­ben, Jesus ist der Chris­tus, der Sohn Got­tes, und so das Leben haben in sei­nem Namen.

Um uns zu die­sem Glau­ben zu hel­fen, haben wir die Schrift, die Sakra­men­te und das Bekennt­nis der Kirche.

Mehr hat­ten auch die Jün­ger damals nicht, auch Tho­mas nicht.

Was sie sahen, Jesus in sei­nem Lei­den, sei­nem Tod und sei­ner ver­klär­ten Gestalt, war dem Zwei­fel nicht weni­ger aus­ge­setzt als das, was wir sehen und bewei­sen können.

Nur indem sie Jesus selbst glaub­ten, wur­de er ihr Herr und Erlöser.

Nicht auf dem Sehen über­ir­di­scher Erschei­nun­gen, die ohne­hin nach weni­gen Wochen mit sei­ner Him­mel­fahrt ende­ten, grün­de­te die Gewiss­heit der Jün­ger, son­dern auf ihrem Glauben.

Die­ser Glau­be, den wir in die­ser Oster­zeit wie­der gemein­sam fei­ern, besitzt eine ganz eige­ne Art der ​„Selig­keit“, wie Jesus dem Tho­mas sagt. Selig­keit, Freu­de, Frie­den, für uns selbst und für ande­re. Amen.

Eini­ge For­mu­lie­run­gen und Gedan­ken sind ent­nom­men der Pre­digt­me­di­ta­ti­on zu Joh 20,19−31 von Diet­rich Bon­hoef­fer aus dem Jahr 1940. Vgl. D. Bon­hoef­fer, Wer­ke. Bd. 15, Mün­chen 1998, 554 – 559.

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