Neben meiner Tätigkeit in Köln bin ich auch Gastprofessor an der Hochschule in Heiligenkreuz bei Wien. Vor einigen Wochen hatte ich dort eine Vorlesung zur Gotteslehre und behandelte einige Gottesbeweise.
In der Vorbereitung packte mich wieder neu die Faszination darüber, wie sich Menschen zu allen Zeiten mit ihrer Vernunft, mit all ihren geistigen Kräften darum bemüht haben, etwas zu denken, das größer ist als alles, was gedacht werden kann. Es gibt Gottesbeweise aus dem Denken, aus der Erfahrung, aus dem Gewissen, aus der Zeit und andere mehr.
Als ich sie den Studenten vorgestellt hatte, meldete sich einer und fragte: „Kann man zu dem Gott, den man beweisen kann, auch beten? Und kann man ihn lieben?“ Viele andere Studenten nickten und teilten wohl seine Fragen. Diesen jungen Menschen war schnell klar, dass ein gedachter und beweisbarer Gott noch längst kein lebendiger Gott ist, oder, wie es im heutigen Evangelium heißt, dass ein Gottesbeweis zum „Sehen“ gehört, aber noch nicht zum „Glauben“.
In den Osterferien kommen interessante Filme, und so sah ich letzte Woche eine Dokumentation über die „Sonnentempler“ – eine esoterische Sekte, die in der Schweiz und in Frankreich verbreitet war, sich auf alte Ritterorden, medizinisches Wissen und Astrologie stützte und in den 80er Jahren viel Zulauf und Aufmerksamkeit hatte. Aus heutiger Sicht erscheint einem das, was ihre Anhänger glaubten, völlig absurd, etwa Verbindungen zum Planeten Sirius oder die Überwindung des Todes allein durch geistige Energie. Doch sie glaubten so fest an diese Lehren, dass sie sogar bereit waren, dafür in den Tod zu gehen: 1994 endete die Sekte in einem Massen-Selbstmord von über 50 Menschen. Ihr „Glauben“ hatte sie blind gemacht, es fehlte das „Sehen“, das Zulassen von Zweifel und anderen Sichtweisen.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“.
Bei diesem Satz des Auferstandenen kommt es auf jedes einzelne Wort an.
Jesus Christus sagt nicht: glauben ist besser als sehen oder: glauben bedeutet, sich erst gar nicht um das Sehen zu bemühen.
Jesus sagt: Glauben ist nur etwas für Menschen, die auch das Sehen gelernt haben, die durch das Sehen zum Glauben gekommen sind. Das Christentum ist ein sehender Glaube, ein gläubiges Sehen.
Wie ging das bei Thomas?
Wir kennen ihn aus der Zeit vor Jesu Tod schon als einen Jünger, der gerne fragte, nach dem wahren Leben, nach der Wahrheit und dem Weg dorthin; als einen mutigen Jünger, der die anderen aufforderte, mit Jesus nach Jerusalem zu gehen. Mit dem Tod Jesu aber geriet sein Leben ins Wanken, so wie der Tod eines geliebten Menschen oft zur Glaubensfrage gerät. Ich selber saß einmal nach dem Tod meiner Großeltern einen ganzen Abend vor dem Allerheiligsten und wollte eine Antwort von Gott, ob sie nun wirklich bei ihm leben, weil sie mir so fern und so tot erschienen. Am Ende bekam ich eine innere Gewissheit geschenkt.
Thomas hatte sich nach dem Tod Jesu von den anderen Jüngern getrennt und war auch dem Ostertag fern geblieben. Er wollte sich nicht von Gefühlen und Schwärmerei mitreißen lassen, er brauchte Gründe, er wollte sehen.
Thomas hatte recht, wenn er seinen Glauben entweder selbst finden oder gar nicht glauben wollte; aber der Weg, auf dem er ihn suchte, war noch nicht der richtige.
Erst, als er sich ein Herz fasst und zu den anderen Jüngern zurückkehrt, beginnt er einen neuen Weg.
Dass er wieder zurückkommt, ist etwas ganz entscheidendes, seine Bereitschaft, sich überzeugen zu lassen und nicht in seinem Zweifel zu verharren.
Wichtig ist auch, dass ihm die anderen Jünger Zeit ließen, um wieder Halt zu finden, und ihn freudig bei sich aufnahmen.
Thomas kann nichts erzwingen. Auch dass ihm der Auferstandene begegnet, ist eine Gnade, ist freie Liebeszuwendung Gottes, auf die wir Menschen nicht einfach ein Recht haben.
Maria Magdalena hätte den Auferstandenen gerne berührt und festgehalten; Jesus verbietet es ihr. Thomas hingegen lädt er ein: „Lege deine Hand in meine Seite!“ Es ist eben ein Unterschied, ob wir uns etwas nehmen wollen oder ob uns Gott etwas von sich aus gibt!
Wir werden nie erfahren, ob Thomas den Auferstandenen wirklich berührt hat. Das ist dem Evangelisten Johannes offenbar nicht wichtig. Wichtiger ist ihm, dass Thomas zum Glauben findet, als er in den Wunden des Gekreuzigten den Auferstandenen findet, der nicht einfach gestorben ist, sondern der für ihn und für uns alle aus Liebe gestorben ist, um uns neues Leben zu schenken.
„Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ – in dieser Aufforderung Jesu liegt die Entscheidung, vor der Thomas, vor der wir alle stehen. Aus einer Welt des Sehens und Begreifens, des Beweisens und Festhaltens, des Sichtbaren und Materiellen hinüberzugehen in die Welt des Glaubens und Staunens, der Begegnung und Beziehung, des Unsichtbaren und Spirituellen.
Beide Welten sind verbunden, auch als Glaubende sind wir mit vielen irdischen Dingen beschäftigt. Aber unser Blick ist ein anderer, wenn wir sie mit den Augen des Glaubens sehen. Wir können durch die Dinge hindurchsehen auf ihren Schöpfer, wir können durch die Menschen hindurchsehen auf ihre Berufung durch Gott.
Aus solchem Sehen und Glauben wird Thomas dann das Bekenntnis möglich: „Mein Herr und mein Gott!“ So hat vor ihm noch kein Jünger gesprochen. Der, der gezweifelt hat, der nicht glauben konnte, wird zum Bekenner, der auch andere zum Glauben ermutigt.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Mit diesem Satz preist Jesus nicht den Zweifel selig und nicht das Sehen, sondern den Glauben. Denn auf dem, was wir sehen, kann der Glaube nicht ruhen. Der Zweifel wird nicht durch das Sehen und Berühren überwunden, sondern durch den lebendigen Christus und das Bekenntnis zu ihm. Thomas vergisst seine Zweifel, er vergisst sich selbst. Denn er sagt nicht: Jetzt habe ich den Auferstandenen sehen, jetzt kann ich endlich glauben – sondern er fällt auf die Knie, betet an und bekennt: Du, mein Herr und mein Gott!
Und wir? Wo stehen wir in unserem Sehen und Glauben?
Hatte es Thomas, hatten es die Jünger nicht so viel leichter, zu einem festen Glauben zu finden, als wir? Fällt uns der Zugang zu Jesus 2000 Jahre später nicht ungleich schwerer?
Kommt uns das moderne Weltbild nicht vor wie verschlossene Türen, die Jesus nicht einlassen wollen?
Das alles mag sein, und doch sagt schon Johannes am Ende der heutigen Schriftstelle: es ist wahr, Jesus tat unendlich viel mehr, als wir Heutige es auf den paar Seiten der Evangelien erfahren und wissen können.
Aber das, was aufgeschrieben wurde, genügt für das Eine Notwendige: dass auch wir glauben, Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes, und so das Leben haben in seinem Namen.
Um uns zu diesem Glauben zu helfen, haben wir die Schrift, die Sakramente und das Bekenntnis der Kirche.
Mehr hatten auch die Jünger damals nicht, auch Thomas nicht.
Was sie sahen, Jesus in seinem Leiden, seinem Tod und seiner verklärten Gestalt, war dem Zweifel nicht weniger ausgesetzt als das, was wir sehen und beweisen können.
Nur indem sie Jesus selbst glaubten, wurde er ihr Herr und Erlöser.
Nicht auf dem Sehen überirdischer Erscheinungen, die ohnehin nach wenigen Wochen mit seiner Himmelfahrt endeten, gründete die Gewissheit der Jünger, sondern auf ihrem Glauben.
Dieser Glaube, den wir in dieser Osterzeit wieder gemeinsam feiern, besitzt eine ganz eigene Art der „Seligkeit“, wie Jesus dem Thomas sagt. Seligkeit, Freude, Frieden, für uns selbst und für andere. Amen.
Einige Formulierungen und Gedanken sind entnommen der Predigtmeditation zu Joh 20,19−31 von Dietrich Bonhoeffer aus dem Jahr 1940. Vgl. D. Bonhoeffer, Werke. Bd. 15, München 1998, 554 – 559.



